Weniger als ein Prozent der Kleidung, die zur Wiederverwendung gesammelt wird, gelangt als neue Kleidung zurück in den Kreislauf. Gleichzeitig hat sich die weltweite Bekleidungsproduktion innerhalb von rund 15 Jahren etwa verdoppelt, während Kleidungsstücke im Durchschnitt deutlich kürzer genutzt werden.
Für Luxusmarken zeigt sich damit eine zentrale Herausforderung von Circular Fashion: Nachhaltigkeitsziele lassen sich vergleichsweise schnell formulieren. Schwieriger ist es, Materialflüsse, Rücknahmen, Recycling und Wiederverwendung so in die bestehenden Prozesse zu integrieren, dass Fortschritte nachvollziehbar, planbar und messbar werden.
Genau dort wird Circular Fashion zu einer operativen Aufgabe für Supply Chain, Produktion und Operations.
Kollektionen aus recycelten Materialien sind sichtbar, gut kommunizierbar und zeigen, dass technische Kreislauflösungen grundsätzlich möglich sind. Ein bekanntes Beispiel ist Prada Re-Nylon, bei dem regeneriertes Nylon für Produkte und Kollektionen eingesetzt wird.
Solche Initiativen lösen jedoch nur einen Teil der Herausforderung. Nach Angaben der Ellen MacArthur Foundation wird weniger als ein Prozent der für Wiederverwendung gesammelten Kleidung tatsächlich zu neuer Kleidung verarbeitet. Gleichzeitig hat sich die Bekleidungsproduktion innerhalb von rund 15 Jahren etwa verdoppelt, während die durchschnittliche Nutzungsdauer deutlich zurückgegangen ist.
Auch der Circular Fashion Index von Kearney zeigt die Lücke zwischen Strategie und Umsetzung. Mehr als 70 Prozent der untersuchten Marken bewegen sich inzwischen im mittleren Bereich der Kreislaufwirtschaft, doch nur ein kleiner Anteil erreicht eine umfassende Umsetzung.
Für Unternehmen bedeutet das: Eine einzelne Kollektion aus recyceltem Material ist noch kein funktionierendes Kreislaufmodell. Entscheidend ist, was mit zurückgegebenen, unverkauften oder gebrauchten Produkten und Materialien im regulären Betrieb geschieht.
Luxusprodukte stellen besonders hohe Anforderungen an Recyclingprozesse. Ein einziges Kleidungsstück kann Wolle, Seide, synthetische Futterstoffe, Metallteile, Leder und aufwendige Verzierungen kombinieren. Bevor Fasern wiederverwertet werden können, müssen diese Materialien häufig voneinander getrennt werden.
Hinzu kommt der Schutz der Marke. Wenn Produktionsreste, unverkaufte Produkte oder erkennbare Designs in einen Sekundärkreislauf gelangen, müssen Luxusunternehmen kontrollieren können, was mit diesen Materialien geschieht. LVMH arbeitet beispielsweise mit Lösungen wie Weturn, um textile Produktionsreste und geschützte Materialien kontrolliert wieder in neue Garne und Stoffe zu überführen.
Damit wird Kreislaufwirtschaft zunächst zu einer Datenfrage. Materialzusammensetzung, Herkunft und Chargenzuordnung müssen bereits während der Produktion nachvollziehbar sein. Ein Manufacturing Execution System (MES) kann dafür Produktions-, Material- und Chargendaten aus dem Shopfloor bereitstellen.
Das MES verwaltet dabei nicht den Digitalen Produktpass selbst. Es kann jedoch genau jene Produktions- und Rückverfolgbarkeitsdaten liefern, auf die eine übergeordnete Infrastruktur für den Digitalen Produktpass oder spätere Recyclingentscheidungen zurückgreifen kann.
Wie sich Wiederverwendung und Recycling auch über die Fashion-Branche hinaus in bestehende Produktions- und Supply-Chain-Prozesse integrieren lassen, betrachten wir ausführlicher im Artikel Kreislaufwirtschaft operativ verankern.
Mit der europäischen Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR) wird Circular Fashion zunehmend auch zu einer regulatorischen Aufgabe. Seit dem 19. Juli 2026 dürfen große Unternehmen in der EU unverkaufte Bekleidung, Bekleidungsaccessoires und Schuhe grundsätzlich nicht mehr vernichten. Für mittelständische Unternehmen soll die Regel ab 2030 gelten.
Statt unverkaufte Ware zu entsorgen, rückt die EU Alternativen wie Wiederverwendung, Reparatur, Aufarbeitung und Wiederaufbereitung stärker in den Mittelpunkt. Für Unternehmen bedeutet das nicht nur neue Anforderungen an den Umgang mit Beständen, sondern auch an die dazugehörige Dokumentation.
Parallel dazu entwickelt sich der Digitale Produktpass (DPP) weiter. Das europäische DPP-Register ist seit Juli 2026 in Betrieb. Die konkreten Anforderungen werden anschließend schrittweise für einzelne Produktgruppen definiert.
Für Fashion-Unternehmen ist deshalb weniger entscheidend, eine separate Datenwelt für regulatorische Anforderungen aufzubauen. Materialzusammensetzung, Lieferanteninformationen, Produktionsdaten und Rückverfolgbarkeit sollten möglichst aus denselben belastbaren Datenstrukturen stammen, die auch für operative Entscheidungen genutzt werden.
Frankreich zeigt bereits, wie anspruchsvoll die nächste Stufe ist. Das französische EPR-System für Textilien erreicht laut Ellen MacArthur Foundation zwar eine separate Sammelquote von rund 31 Prozent. Doch selbst von den als wiederverwendbar eingestuften Textilien wird nur ein kleiner Teil innerhalb Frankreichs weiterverkauft. Der überwiegende Anteil wird exportiert.
Regulierung kann damit Sammlung und Dokumentation vorantreiben. Sie schafft jedoch nicht automatisch die Kapazitäten, Prozesse und Absatzkanäle, die für echte Wiederverwendung notwendig sind.
Während Textile-to-Textile-Recycling technisch komplex bleibt, gewinnen Wiederverwendung und Resale bereits deutlich an Bedeutung. McKinsey erwartet, dass der Secondhand-Markt für Fashion und Luxury bis 2027 zwei- bis dreimal schneller wächst als der Markt für Neuware.
Für Luxusmarken ist das relevant, weil Wiederverwendung nicht zunächst das Problem gemischter Fasern lösen muss. Dafür entstehen andere Anforderungen: Rücknahmelogistik, Authentifizierung, Zustandsbewertung, Bestandsführung und die Entscheidung, über welchen Kanal ein Produkt oder Material weiterverwendet werden kann.
Ein Beispiel auf Materialebene ist Nona Source von LVMH. Die Plattform bringt ungenutzte hochwertige Stoffe und Leder aus Fashion- und Leather-Goods-Maisons wieder in Umlauf, statt sie als unproduktive Restbestände zu behandeln.
Damit werden Wiederverwendung und Resale zu einem Supply-Chain-Thema. Rückflüsse sind ebenfalls Bestände – allerdings mit einer anderen Planbarkeit als klassische Neuware. Mengen, Qualität und Zustand können variieren, und die Ware bewegt sich entgegen der üblichen Richtung durch die Supply Chain.
Ein Simulativer Control Tower kann dabei eine gemeinsame Sicht auf solche Prozesse unterstützen, sofern die relevanten Datenquellen – beispielsweise Rücknahmeprogramme, Resale-Plattformen oder Reverse-Logistics-Partner – entsprechend integriert sind. Er ist damit keine spezielle Resale-Lösung, sondern kann vorhandene Daten aus unterschiedlichen Bereichen in einen gemeinsamen operativen Kontext bringen.
Damit Circular Fashion vom Nachhaltigkeitsziel zum steuerbaren Prozess wird, müssen vier operative Voraussetzungen zusammenspielen.
Faserzusammensetzung, Herkunft, Recyclinganteil und relevante Produktionsinformationen sollten nicht erst auf Ebene des fertigen Produkts dokumentiert werden. Je früher und detaillierter diese Daten erfasst werden, desto belastbarer sind spätere Aussagen zu Recyclingfähigkeit, Materialherkunft und Wiederverwendung.
Produktions- und Chargendaten aus einem MES können hier eine wichtige Grundlage bilden. Gerade in mehrstufigen Lieferketten bleibt jedoch entscheidend, dass auch Lieferantendaten strukturiert eingebunden werden.
Recycelte und wiedergewonnene Materialien lassen sich nicht immer so planbar beschaffen wie etablierte Primärmaterialien. Verfügbarkeit, Spezifikation und Menge hängen unter anderem davon ab, wie viel Material gesammelt und sortiert wird und welche Qualität Recyclingpartner tatsächlich liefern können.
Deshalb sollte diese Variabilität nicht als Ausnahme außerhalb der regulären Planung behandelt werden. Demand Management und Resource & Supply Planning helfen dabei, Bedarf, Materialverfügbarkeit und Kapazitäten gemeinsam zu betrachten.
Aussagen über Recyclinganteile müssen sich auch gegenüber Kunden, Auditoren und anderen Stakeholdern nachvollziehen lassen. Standards wie der Global Recycled Standard (GRS) setzen deshalb auf unabhängige Zertifizierung und dokumentierte Chain-of-Custody-Prozesse entlang der Lieferkette.
Für Unternehmen bedeutet das: Nachweise sollten möglichst aus kontinuierlich gepflegten Daten und Prozessen entstehen – nicht erst dann zusammengesucht werden, wenn eine Prüfung oder konkrete Anfrage ansteht.
Auch Circular Fashion braucht eine gemeinsame Messbasis. Dazu können beispielsweise Recyclinganteil, Wiederverwendungsquote, Rücknahmemengen oder Resale-Volumen gehören.
Wichtiger als eine möglichst große Zahl an Nachhaltigkeitskennzahlen ist dabei eine belastbare Datenbasis. Wenn dieselbe Kennzahl bei jeder Anfrage erneut aus Lieferantenunterlagen, E-Mails und Tabellen zusammengesetzt werden muss, fehlt die operative Transparenz.
Nicht alle Anforderungen müssen gleichzeitig gelöst werden. Sinnvoller ist es, mit einem klar abgegrenzten Bereich zu beginnen und Daten, Prozesse und Verantwortlichkeiten anschließend schrittweise zu erweitern.
Circular Fashion entscheidet sich nicht allein daran, ob eine Marke recycelte Materialien verwendet oder ein Rücknahmeprogramm anbietet. Entscheidend ist, ob Material- und Produktflüsse über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg nachvollzogen, geplant und gemessen werden können.
Für Luxusmarken bedeutet das, Kreislaufwirtschaft stärker mit den bestehenden Prozessen in Supply Chain, Planung und Produktion zu verbinden. Materialtransparenz, integrierte Planung und nachvollziehbare Daten schaffen dabei nicht nur die Grundlage für regulatorische Anforderungen. Sie machen Wiederverwendung, Recycling und Resale überhaupt erst skalierbar.
Die Herausforderung liegt damit weniger in einem einzelnen neuen System als im Zusammenspiel der vorhandenen Daten und Prozesse. Genau dort wird aus einem Nachhaltigkeitsziel ein operativ steuerbares Modell.