Nach zahlreichen Gesprächen mit Glasherstellern, Technologieanbietern und Branchenexperten auf der glasstec 2026 wurde eines deutlich: Die Glasindustrie befindet sich mitten in einer wichtigen Transformationsphase.
Nachhaltigkeit bleibt dabei ein zentrales Thema. Die Diskussion geht inzwischen jedoch deutlich weiter. Steigende Kosten, internationaler Wettbewerb, Fachkräftemangel und wachsende Kundenanforderungen rücken die Frage in den Mittelpunkt, wie Glashersteller ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern können.
Fünf Themen sind dabei besonders hervorgestochen.
Kaum ein Thema wurde auf der glasstec so häufig diskutiert wie Energie.
Die Glasproduktion gehört zu den energieintensivsten industriellen Fertigungsprozessen. Ob Behälterglas, Flachglas oder Spezialglas: Der Energieverbrauch der Schmelzwannen und die Effizienz der Produktionsprozesse haben direkten Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit.
Damit wird Energie zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor. Hersteller in Regionen mit niedrigeren Energiekosten verfügen über strukturelle Vorteile bei den Produktionskosten. Europäische Glashersteller stehen deshalb vor der Aufgabe, ihre Effizienz weiter zu steigern und gleichzeitig in Dekarbonisierung und nachhaltigere Produktionsverfahren zu investieren.
Auch auf der glasstec selbst waren Dekarbonisierung und Energieeffizienz zentrale Themen. Im Fokus standen Technologien, die Energieverbrauch und CO₂-Emissionen reduzieren und gleichzeitig die Leistungsfähigkeit der Schmelz- und Produktionsprozesse verbessern.
Energie ist damit längst nicht mehr nur eine operative Kennzahl, sondern eine strategische Größe.
Auch bei Künstlicher Intelligenz hat sich die Diskussion verändert. Statt abstrakter Zukunftsszenarien standen auf der glasstec zunehmend konkrete Anwendungsfälle im Mittelpunkt.
Glashersteller beschäftigen sich beispielsweise damit, wie KI Produktionsplanung, Predictive Maintenance, Qualitätskontrolle oder Energieoptimierung unterstützen kann.
Ein wiederkehrendes Thema war dabei die stärker vernetzte und automatisierte Glasfabrik: Produktionsdaten werden möglichst aktuell erfasst und genutzt, um bessere operative Entscheidungen zu treffen. KI kann dabei helfen, Muster und Abweichungen früher zu erkennen, Stillstände zu reduzieren, Ausbeute und Anlagenleistung zu verbessern oder Energie effizienter einzusetzen.
Entscheidend ist jedoch, KI nicht isoliert zu betrachten. Ihr größter Nutzen entsteht dort, wo sie mit Produktionsplanung, Scheduling, Instandhaltung, Beständen und Shopfloor-Prozessen verbunden wird.
Die Voraussetzung dafür ist eine belastbare Datenbasis. Unternehmen mit stark getrennten Systemen und vielen manuellen Excel-Prozessen haben es deutlich schwerer, KI sinnvoll in operative Entscheidungen einzubinden.
Eines der wirtschaftlich relevantesten Themen auf der glasstec war der zunehmende Kostendruck in der Behälterglasindustrie.
Hersteller in Europa konkurrieren mit Regionen, in denen insbesondere Energie- und teilweise auch Arbeitskosten deutlich niedriger liegen. Entsprechend gewinnt eine Kennzahl weiter an Bedeutung: Cost per Bottle – die Kosten pro produzierter Flasche.
Um diese Kosten weiter zu optimieren, betrachten Glashersteller zunehmend den gesamten Produktionsprozess:
Viele der offensichtlichen Einsparpotenziale wurden in den vergangenen Jahren bereits adressiert. Weitere Verbesserungen entstehen deshalb zunehmend durch mehr Transparenz und eine bessere Abstimmung von Planung und Ausführung.
Wer schneller auf Nachfrageveränderungen reagieren, Produktionskapazitäten besser nutzen und Verluste reduzieren kann, schafft damit auch zusätzliche Spielräume bei den Kosten pro Flasche.
Nachhaltigkeit bleibt ein wichtiges Thema für die Glasindustrie – gleichzeitig wird die Diskussion zunehmend wirtschaftlicher.
Kreislaufwirtschaft wird nicht mehr ausschließlich als Nachhaltigkeits- oder Compliance-Thema betrachtet. Sie kann auch dazu beitragen, Rohstoff- und Energieeinsatz zu reduzieren und Produktionsprozesse effizienter zu gestalten.
Glas bietet dafür gute Voraussetzungen, da das Material wiederholt recycelt werden kann. Auf der glasstec standen deshalb unter anderem folgende Themen im Mittelpunkt:
Besonders interessant wird Kreislaufwirtschaft dort, wo ökologische und wirtschaftliche Ziele zusammenkommen. Weniger Rohstoffe, geringerer Energieverbrauch und effizientere Prozesse können sowohl Nachhaltigkeitsziele als auch die Wettbewerbsfähigkeit unterstützen.
Ein Thema verbindet letztlich alle anderen: die Geschwindigkeit und Qualität von Entscheidungen.
Ob Energieverbrauch, Produktionskosten, Nachhaltigkeit oder Nachfrageveränderungen – Glashersteller müssen immer häufiger unterschiedliche Informationen zusammenführen und Auswirkungen auf Planung und Produktion schnell bewerten.
Wo Informationen über Excel-Dateien, getrennte Systeme und manuelle Prozesse verteilt sind, entsteht zusätzlicher Abstimmungsaufwand. Entscheidungen dauern länger und Änderungen erreichen die operative Planung später.
Deshalb gewinnen integrierte Ansätze an Bedeutung, die Informationen aus Forecasting, Beständen, Produktionsplanung, Scheduling und operativer Ausführung zusammenbringen.
Dabei geht es nicht darum, jede Entscheidung zu automatisieren. Technologie schafft die Grundlage dafür, Zusammenhänge schneller sichtbar zu machen und fundierter zu entscheiden.
Nicht Technologie allein macht den Unterschied – sondern die Fähigkeit, aus den verfügbaren Informationen rechtzeitig die richtige Entscheidung abzuleiten.
Mein wichtigster Eindruck von der glasstec 2026: Die Glasindustrie spricht nicht mehr über Transformation als Zukunftsthema. Sie findet bereits statt.
Energie bleibt eine der größten Herausforderungen. KI entwickelt sich zunehmend zu einem praktischen Wettbewerbsfaktor. Der globale Wettbewerb erhöht den Druck auf die Kosten pro Flasche. Kreislaufwirtschaft wird immer stärker Teil der Geschäftsstrategie. Und bei all diesen Themen wird die Fähigkeit wichtiger, schneller und auf einer besseren Informationsbasis zu entscheiden.
Die künftigen Vorreiter der Glasindustrie werden dabei nicht zwangsläufig diejenigen mit den neuesten Wannen oder den größten Produktionskapazitäten sein.